Der Römerturm

Aufsatz von Franz Häußler

 

Ein Bauwerk mit vielen Fragezeichen


Göggingen: Römischer Turm als Vorgänger vermutet
Aufsatz von Franz Häußler, veröffentlicht am 4. August 2005 in der Augsburger Allgemeinen unter der Rubrik „Augsburg-Album".

 

Göggingens Wappen enthält einen Turm. War es der Vorgänger jenes Rundbaues, der nun restauriert werden soll? Diese Frage beschäftigt schon seit 200 Jahren die Forscher. Schriftlich und bildlich ist zur Turmgeschichte nur wenig überliefert, umso mehr blühen Sagen und Mutmaßungen.

Selbstbewusst ließ sich im Jahre 1837 das Dorf Göggingen ein Wappen fertigen, dem ein ruhmreiches Detail der Ortsgeschichte zugrunde liegt. Es zeigt einen Turm und acht Schwerter. König Ludwig I. von Bayern wollte die Hintergründe für die ungewöhnliche Darstellung und Näheres über den Turm erfahren. Die Kreisregierung antwortete, dass der Überlieferung zufolge der „Römerturm" im Städtekrieg von 1462 durch „acht gute Gesellen" tapfer verteidigt worden sei. Erst durch Beschuss mit einem schweren Geschütz seien sie zu Tode gekommen. Der alte Turm sei damals „wie ein Kalkofen ausgebrannt" und zerfallen. Ob so viel heroischer Tapferkeit genehmigte der König am 23. Juni 1837 das ungewöhnliche Gögginger Wappen. Natürlich versuchte man den Standort und eventuelle Überreste des sagenhaften Turmes ausfindig zu machen. Der Augsburger Regierungspräsident und Altertumsforscher Johann Nepomuk von Raiser bezeichnete um 1830 jenen Punkt, an dem jetzt der Turm steht, als den Ort des erbitterten Kampfes im Jahre 1462. Hier sei damals eine Burg gestanden, zu der auch der Turm gehört habe. So lautete seine Vermutung. Es war sicherlich der beste, weil aussichtsreichste Punkt für eine Burg und zudem weisen die Fundamente eine Stärke von 1,35 Metern auf. Sie bilden die Außenmauern eines Gewölbekellers. Ein Turm sei dort um 1650 errichtet worden, lautet eine Information aus dem Jahre 1705. Er sei vorzeiten ein Wasserwerk gewesen, heißt es in derselben Quelle.

Siebeneinhalb Meter Durchmesser weist der gut zehn Meter hohe doppelstöckige Rundbau auf. Im Erdgeschoss werden die Mauern von sieben Fenstern und einer breiten Tür durchbrochen. Acht mit Spitzbogen verbundene Säulen tragen die Decke des Parterres. Eine Treppe führt ins Obergeschoss, das einen breiten Umgang besitzt. Auf 16 zierlichen Säulen mit Terrakotta- und Steinkapitellen sitzt das Kegeldach. Heute verwehren hohe Bäume und die Bebauung den einst freien Rundblick. Man übersah ehedem ganz Göggingen, die Wertachebene sowie die Silhouette von Augsburg. Felder und Wiesen grenzten an, nur eine Hecke markierte die Grundstücksgrenze des nunmehrigen Graf Seyssel'schen Areals. In dessen äußerster Ecke steht der Tum, das Schlösschen liegt am Klausenberg.

Die Besitzerliste der einstigen Landsitze am Klausenberg ist lang. Dazu zählte im 16. Jahrhundert der Augsburger Patrizier, Bürgermeister und begeisterte Astronom Paul Hainzel. Er ließ im Jahre 1574 nach Anleitung des damals berühmtesten dänischen Astronomen Tycho Brahe zur Himmelsbeobachtung einen etwa 20 Meter hohen Quadranten bauen. Vier Jahre später zerstörte ihn ein Sturm. Sein genauer Standort ist bis heute ungeklärt. Man stieß jedoch im Jahre 1911 auf dem einstigen Hainzel'schen Areal auf Mauerreste, in denen man die Fundamente des Quadranten vermutete.

Wann der aufwändige Gartenpavillon, der auf dem Grund des 1462 ausgebrannten sagenhaften Römerturmes stehen soll, sein jetziges Aussehen bekam, darüber sind bislang auch nur Vermutungen möglich. Zwischen 1830 und 1870 könnte es gewesen sein. Eine genauere Datierung erbrächte wohl eine dendrochronologische Altersbestimmung von darin verwendetem Holz. Wie der Turm Ende des 18. Jahrhunderts aussah, überliefert eine in der Graphischen Sammlung verwahrte 26 mal 42,5 Zentimeter große kolorierte Radierung von Johann Michael Frey (1750 - 1819). Die Göggingen-Ansicht entstand um 1790/95. Den rechten Bildrand nimmt ein pagodenartiger Pavillon hoch über dem Ort ein, versehen mit Drachen und Glöckchen am Dach. Eine große Veranda ruht auf offenbar hölzernen Streben. Hauptteil dieses luxuriösen Bauwerks ist der Turm mit dem offenen Umgang im Obergeschoss. Der Verfasser des Wanderführers „Auf nahen Pfaden", Gustav Euringer (1854 - 1922), sah sich 1911 den Turm an und trug historisches Material über ihn zusammen. Er berichtet, 1801 habe ihn sein damaliger Eigentümer Peter Paul von Ritsch von allen „asiatischen" Zubauten befreit und daraus eine künstliche Schlossruine gemacht. Solche „Ruinen" finden sich noch heute in vielen Schlossparks. „Bei der Grabung des Grundes wurde daselbst ein steinerner Sarg mit dem Gerippe eines jungen Menschen ausgegraben ..." zitiert Euringer. Nach dem Tod von Ritsch im Jahre 1803 folgten etliche Besitzwechsel, ehe ein Graf Seyssel d'Aix das ausgedehnte Areal samt Schlösschen und sagenumwobenem Turm erwarb. 1990 kaufte die Stadt Augsburg den Gartenteil mit dem an der Gerhart-Hauptmann- Straße gelegenen Rundbau. Dieser war nach dem Zweiten Weltkrieg längere Zeit bewohnt. Teppichböden, ein Ofen und andere Nutzungsspuren weisen darauf hin. Bereits ein Foto von 1980 zeigt den Turm wie im Dornröschenschlaf, alle Fensterläden verschlossen, von Strauchwerk umwuchert. 2006 ist die grundlegende Sanierung geplant, danach die Einrichtung eines astronomischen Museums. Darin soll unter anderem die Wirkweise des berühmten Brahe'schen Qudranten erläutert werden. Ein Fußweg soll den Zugang vom Kurhauspark aus ermöglichen.

PARKTHEATER im Kurhaus Göggingen
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